Michael Albinger berichtet aus North Vancouver (British Columbia / Kanada)

Schmerzhaftes Skifahren, eine internationale Stadt und eine schwere Rückkehr

Es war Montagmorgen, der 31. Januar und es ging endlich los in einen neuen Abschnitt meines noch recht jungen Lebens. Morgens brachte mich mein Vater zum Flughafen und schon dort kreiste alles in meinem müden, aber dennoch glücklichen Kopf um eine Handvoll Fragen. Wie werde ich mich wohl fühlen, wenn ich ankomme? Wie werde ich mich mit meiner Gastfamilie verstehen? Wie werden die Schule und mein Alltag aussehen?

Auf all diese Fragen hatte ich mir in meinem Kopf schon vage, aber natürlich hoffnungsvolle und positive Antworten ausgemalt. Ich wollte das beste halbe Jahr meines Lebens erleben und es war natürlich nicht immer einfach, aber enttäuscht wurde ich ganz sicher nicht.

Auf dem Flug hatte ich dann schon die Gelegenheit, eine Menge Menschen kennenzulernen, die mein Schicksal teilten und so wurden die 9 Stunden Flug nach Vancouver schon erträglicher.

In meinem neuen Zuhause in North Vancouver angekommen, gab es natürlich eine ganze Menge Dinge, an die ich mich gewöhnen musste. Was mir dabei natürlich half, war, dass ich sofort in meiner Gastfamilie und Schule willkommen geheißen wurde.

Meine Gastfamilie hatte eine für Vancouver sehr typische Eigenheit: ihre Internationalität, denn meine Gastmutter ist Australierin. Auch in anderen Bereichen des Lebens in Vancouver wird man dies immer wieder feststellen, denn Vancouver ist nun einmal eine internationale Stadt, was das Kontakteknüpfen sehr erleichtert. Dies bemerkte ich auch am folgenden Mittwoch, als ich auf einer Einführungsveranstaltung des Schooldistricts für neu angekommende International Students eingeladen war. Ich saß an einem Tisch mit 4 Brasilianerinnen, einem Südkoreaner, einem Chinesen und einer Vietnamesin und doch waren wir alle irgendwie geeint, denn uns stand allen eine spannende Zeit in Vancouver bevor.

An demselben Tag ging es auch zum ersten Mal in die Schule und während unser Counsellor mit uns sprach, hörte ich bei jedem einzelnen Wort genau zu, denn ich wollte endlich genau wissen, was in den nächsten fünf Monaten in meiner Schule, der Argyle Secondary School, auf mich zukommen würde. Ich konnte dann schließlich endlich meine Fächer wählen, wobei mir auch sehr viel Freiheit gelassen wurde. Ich hatte acht Fächer, wobei sich immer die gleichen vier von Tag zu Tag abwechselten, was ich als ein sehr angenehmes System empfand. Für folgende Fächer hatte ich mich entschieden: Mathe, Physik, Englisch, Sciences Humaines (Social Studies auf Französisch), Comparative Civilization, Sport und Theater.

Auch wenn Schule eigentlich nur Schule ist, muss ich rückblickend feststellen, dass ich dort eine großartige Zeit verbracht habe. Die kanadische Lockerheit verbunden mit der Tatsache, dass mir meine Fächer Spaß machten und ich außerdem nicht um jede Note kämpfen musste, machten den ganzen Schulalltag um ein Vielfaches angenehmer als ich ihn hier in Deutschland erlebe. Mein absolutes Lieblingsfach war dabei Theater, wobei ich unter anderem an einem tollen Theaterstück mitwirkte, was einfach einen einzigartigen Spaß machte und mir eine Menge Selbstvertrauen gab.

Was natürlich bei einem Aufenthalt in Vancouver niemals fehlen darf, ist das Skifahren. Selbst ich, der ich noch nie Skigefahren war, konnte nicht davon ablassen! Eines Tages Anfang Februar nahm mein Gastvater mich mit zu Grouse Mountain, dem größten von drei Skiresorts in Vancouver. Nach fast 9 Stunden faszinierten Übens fasste ich einen Entschluss: das würde mein neues Hobby werden. Ich klapperte also in der nächsten Woche einige Sportgeschäfte hab, wo ich mir mit ein bisschen Glück eine günstige Ausrüstung zusammensuchte und kaufte mir schließlich eine Saisonkarte für nur ca. 250$. Dann konnte es auch schon losgehen. Da Grouse Mountain nur ca. 45 min mit dem Bus von meinem Zuhause entfernt war, konnte ich mich im Grunde so oft ich wollte amüsieren. Ob Mittags nach der Schule mit Freunden, mal abends schnell für eine Spritztour alleine oder an Wochenenden für einen ganzen Tag, alles war möglich und obwohl ich Anfänger war, wurde ich immer besser, bis ich irgendwann so gut war, dass ich mir ein Band im Knie riss und 2 Monate auf Sport ganz verzichten musste. Diese Ironie des Lebens brachte mir zwar einige Schmerzen und auch viel Langeweile ein, dennoch denke ich, dass solche Gefahren zum allgemeinen Auf-und-ab des Lebens dazugehören. Es ist auch anzumerken, dass die Abwicklung der Formalien super funktionierte und ich sehr bald mit der Physiotherapie anfangen konnte, die mir dank der tollen Leute, die dort arbeiten, die ganze Sache sehr versüßte. 

Wie oben schon erwähnt, war das Faszinierendste an meinem ganzen Aufenthalt die menschliche Vielfalt, die mir dort begegnete; nicht nur im Sinne von Nationalitäten. Ich traf auf Computerfreaks, Leistungssportler, lustige und verrückte Typen, leise, in sich verschlossene, aber hochintelligente Menschen, politische Aktivisten und hochbegabte Schauspieler. Ich hatte (und habe) Freunde aus Québec, Japan, Mexiko, Kolumbien, China, Taiwan, Korea (und natürlich auch Vancouver selbst), und mit allen verstand ich mich super und es entstanden enge Freundschaften und auch mehr.

Je mehr Zeit verging, desto sicherer wurde ich, dass ich die beste Entscheidung meines Lebens getroffen hatte. Es hatte natürlich einige Zeit gedauert, bis ich mich richtig eingewöhnt hatte, aber nach spätestens drei Monaten fühlte ich mich absolut wie Zuhause. Lange Zeit war mir nicht klar, wie schnell diese fünf Monate herumgehen würden, doch in den letzten Wochen wurde mir immer deutlicher, dass es bald vorbei sein würde. Der Abschied war dann auch kein bisschen leichter als gedacht und auch die ersten Tage und Wochen in Deutschland waren natürlich dementsprechend nicht einfach. Zuhause stellte ich fest, dass sich dort im Grunde nichts anders war als vorher, während ich monatelang ein anderes Leben geführt hatte. Dennoch habe ich nichts bereut, und egal, was für Entscheidungen ich später in meinem Leben einmal treffen werde, diese fünf Monate waren auf jeden Fall ein Sprungbrett in ein neues Leben und werden mich von nun an in meinem Handeln maßgeblich beeinflussen.

 

Fotos zu diesem Bericht

Dein High School Aufenthalt - optimal mit GIVE
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