Sabrina Biedermann berichtet aus Cairns (Queensland / Australien)

Nach einer Woche sind alle Ängste über Bord

 

„Crocodile!“, rief Whitney plötzlich, während wir auf unseren Luftmatratzen im Bogey Hole, einem See nahe dem Outback-Städtchen Chillagoe, trieben. Zwei grüne Augen tauchten an der Wasseroberfläche auf, dann ein spitzer Schwanz. Ich hielt die Luft an. Ein echtes Süßwasserkrokodil schwamm ungefähr fünf Meter entfernt von mir. Zuhause lief ich schon vor einer Wespe davon und nun versuchte ich sogar noch ein bisschen näher heran zu schwimmen. Noch drei Meter, noch zwei, nun war es schon zum Greifen nahe und… plötzlich war es mit einer blitzschnellen Bewegung abgetaucht und verschwunden. War das wirklich ich gewesen? Nie zuvor hatte ich meine Veränderung während meiner Zeit in Australien so sehr gespürt wie in diesem Moment.

Als ich am 29. Juni 2006 in den Jumbo in Frankfurt stieg, begann das aufregendste und außergewöhnlichste halbe Jahr meines Lebens. Von Frankfurt über Singapur und Brisbane sollte es nach Cairns gehen im tropischen Nordosten Australiens. Durch Gespräche, Rollenspiele und Erfahrungsberichte auf einem zweitägigen Vorbereitungsseminar mit ehemaligen und zukünftigen Austauschschülern, durch regelmäßige Informationsbriefe meiner Organisation g.i.v.e. und durch meine eigenen Recherchen vorbereitet, sollte die Reise beginnen. Worauf uns 70 Austauschschüler jedoch kein Rollenspiel und kein Infobrief vorbereitet hatte, war gleich die erste Panne, die auftrat: Das Flugzeug flog nicht ab! Es fehlte ein wichtiges Ersatzteil und der Flug wurde um 24 Stunden verschoben.

Viel Stress und Schlaf hatte die gut dreißigstündige Anreise gekostet. Als ich den ersten Fuß auf australischen Boden setze, war ich so übermüdet und überfordert von so viel Neuem, dass ich gar nicht sofort erkennen konnte, dass sich die Strapazen wirklich gelohnt hatten. Meine Gasteltern, die mich am Flughafen abholten, bemühten sich und waren verständnisvoll, ihr Haus war wunderschön und lag in einer tollen Gegend, aber mir war alles so fremd. Als ich das Haus das erste Mal betrat, war es kaum vorstellbar, sich hier irgendwann einmal wie zu Hause zu fühlen. Es war so ganz anders, aber schön auf seine Art. „Das ist also jetzt für ein halbes Jahr lang mein Zuhause“, schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Heute ist es mein zweites Heim und ich würde blind alles finden, aber damals fiel es mir selbst schwer, einfach einen Becher aus dem Schrank zu nehmen und etwas zu trinken einzuschenken. Es waren in gewisser Weise fremde Leute und bei fremden Leuten geht man nicht an den Schrank und nimmt sich einfach etwas heraus.

So vieles war neu: Ich hatte plötzlich zwei Hunde in meinem Haus und drei ältere Brüder. Zuhause hatte ich nur eine kleine Schwester und ein Aquarium. Aber das war es, was ich wollte: etwas komplett anderes! Die Hunde erwiesen sich als treu und kuschelig, die drei Brüder hingegen teilweise als echte Herausforderung. Sie waren lustig und lieb, auch sehr bemüht und hilfsbereit, aber anfänglich fiel ich auf jeden ihrer Streiche herein. Nicht selten war mein gerade geschmiertes Brot plötzlich angebissen oder ich landete in voller Montur in unserem Pool im Garten.

Nach einer Woche ging ich das erste Mal zur Schule. Nachdem ich mir einigen Schulen von meiner Organisation vorgeschlagen worden waren, hatte ich mich schließlich für die Trinity Bay State High School entschieden, die ihre Schwerpunkte im Bereich Sport gesetzt und ein breites Fächer- und Aktivitätenangebot hatten. Meine Schuluniform hatten meine Gastmutter und ich schon einige Tage vorher im „Tuck Shop“ der Schule gekauft. Ich war ein bisschen stolz in meiner Uniform, weil es mich sofort zu einem Schüler dieser Schule machte. Vorerst mussten sich allerdings alle neuen Austauschschüler einer Art Vorbereitungsprogramm unterziehen. Diese Vorbereitung enthielt eine genaue Einweisung ins Notensystem, den Stundenplan, sämtlichen bürokratischen Einrichtungen, wie „Late Notes“, „Uniform Slips“ und „Assignment Sheets“ und einen Uniformcheck. Mit den Uniformen wurde es nicht allzu streng gehalten, zumal sie eher einem Jogginganzug ähnelten mit ihren schwarzen Shorts und dem grauen Poloshirt in Übergrößen. Große Schmuckstücke, Füßlinge bzw. Kniestrümpfe und Piercings im Gesicht waren untersagt; die Uniform und geschlossene schwarze oder weiße Schuhe waren Pflicht. Daran gehalten hat sich allerdings so gut wie niemand. Die Schuhe reichten von giftgrün über knallpink und die, als Accessoire getragenen Sonnebrillen, übertrafen sich nur so an Größe. Die meisten Mädchen hatten auch ihre Röcke umgenäht, damit sie kürzer waren und die Ärmel der Poloshirts hochgekrempelt. Sorgen machen muss man sich also nicht wegen den Uniformen.

Eigentlich erwartete ich auch, dass der Unterricht in einer fremden Sprache viel schwerer sei. Mathe auf Deutsch war schon eine Herausforderung, aber auf Englisch schien es unmöglich. Am Ende ging ich allerdings mit einer eins im Zeugnis in Mathe nach Hause, wobei es in Deutschland immer nur für eine drei gereicht hatte. Der Unterricht war also viel leichter als der in Deutschland. Natürlich ging es auch dort ohne lernen nicht, aber es war einfach weitaus weniger als bei uns. Wir durften ja auch erst um drei Uhr nach Hause gehen. Hausaufgaben gab es daher auch nicht viele, aber man hatte ständig ein angefangenes „Assignment“ zu Hause liegen, das fertig gestellt werden musste. Assignments gehören zum Schulalltag in Australien, in Deutschland dagegen gibt es so etwas eher weniger. Das sind eine Art längere Hausarbeiten, die wie eine Klassenarbeit gewertet werden.

Auf dem Vorbereitungsseminar in Deutschland hatte man uns gesagt: „Ihr seid diejenigen ohne Freunde an dieser Schule. Die Australier haben ihre Freunde, also geht IHR auf die Australier zu.“ Ich war nicht gerade der super offene Typ gewesen und hatte mir deshalb schon Gedanken gemacht, ob ich Freunde finden würde. Jedoch hatte ich gleich am ersten Tag welche gefunden und es waren die gleichen, die mich am Ende zum Flughafen begleitet haben. Australier sind sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich. In der Schule galt eigentlich: Jeder kann mit jedem! Die Mädchen haben mir alles gezeigt und mit allem geholfen, sie haben manche Sätze auch zwanzig Mal gesagt, wenn ich sie nicht verstanden habe. Am Anfang brachten sie mich sogar zu meinen Klassenzimmern, denn die Trinity Bay State High School ist mit ihren vielen Gebäuden und Sportanlagen wirklich riesig im Vergleich zu den Schulgeländen in Deutschland.

Meine Fächer konnte ich mir weitgehend selbst auswählen. Neben dem breiten Fächerangebot, das von Journalism über Dance bis hin zu Photography reicht, gab es außerdem viele Arbeitsgemeinschaften, die allerdings eher aus echten Talenten auf dem jeweiligen Gebiet bestanden. So gab es zum Beispiel Dance, Drama und Music AG’s, die zu den Performing Arts zählten, und ein Hockey-, ein Football-, ein Touchfootball-, Football und ein Netballteam, als Sportbeschäftigungen. Während des Schuljahres fanden darüber hinaus noch ein Sport- und ein Schwimmfest statt. Bei diesen Festen traten die verschiedenen Häuser der Schule gegeneinander an. Man fühlte sich wie bei Harry Potter. In welches Haus man kam, wurde allerdings nicht durch einen sprechenden Hut festgelegt, sondern relativ unspektakulär anhand des Alphabets bestimmt.

Das ist allerdings auch das einzig Unspektakuläre an einem Auslandsaufenthalt, denn es ist aufregend und toll vom Anfang bis zum Ende. Natürlich beschäftigen einen auch Ängste wie die fremde Sprache, das Unbekannte oder die Entfernung, aber spätestens nach einer Woche hat man sie alle über Bord geworfen. In den ersten Tagen liefen schon mal die Tränen, wenn ich abends ganz alleine im Bett lag, so weit weg von meiner Familie und meinen Freunden, wie es eigentlich weiter nicht mehr geht. Doch das Heimweh hat extrem schnell abgenommen. Irgendwann wird dann auch nicht mehr täglich gemailt und telefoniert, sondern die Telefonate beschränken sich auf alle drei Wochen.

Das wohl Schlimmste ist aber, wieder abzureisen. Man hatte lange geträumt, Ziele gesetzt, dann ging es los und man hat es geschafft, sich von seiner Familie einmal komplett zu trennen, hat Freunde und Gewohnheiten, ja ein ganzes Leben zurückgelassen, um sich eine neue kleine Welt im Unbekannten aufzubauen. Ich habe schon mit ein wenig Stolz auf diese neue kleine Welt und das zweite Zuhause geblickt, das in dieser Zeit entstanden war, auf all die Menschen, die ich so lieb gewonnen hatte. Und plötzlich soll man das alles wieder aufgeben und hinter sich lassen.

Deshalb flossen auch viele, viele Tränen, als ich nach einem halben Jahr früh am Morgen Richtung Brisbane und weiter nach Deutschland aufbrach. Freunde waren gekommen, um tschüss zu sagen, ich lag meiner Gastfamilie in den Armen und fühlte eine regelrechte Hilflosigkeit und Verzweiflung, da ich wusste, es war unumgänglich, in den Flieger zu steigen.

Als ich wieder in Deutschland ankam, standen Freundinnen mit einem riesigen Willkommens-Plakat am Flughafen. Ich habe mich natürlich gefreut, alle meine alten Freunde und meine Familie wieder in den Arm schließen zu können. Aber ich konnte die Freude derer nicht so sehr teilen. Zu groß war die Trauer so viel scheinbar verloren zu haben. Das war schon schwierig, auch wenn alle Verständnis zeigten, was ganz wichtig war. So wurde ich von Freunden wieder ganz liebevoll aufgenommen und alles war schnell wieder wie früher. Mit einer Ausnahme: Ein Teil von mir hat für immer sein Zuhause am anderen Ende der Welt gefunden.

 

Sabrina Biedermann

2006/2007

 

Fotos zu diesem Bericht

Dein High School Aufenthalt - optimal mit GIVE
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